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Legasthenie: Der Kampf mit den Buchstaben

Silbensalat, Wortruinen, Buchstabenchaos – dies sind nur einige Bezeichnungen für das, was Legastheniker mitunter hervorbringen, wenn vom Schreiben und Lesen die Rede ist. Schulkinder, die von Legasthenie betroffen sind, verwechseln beim Schreiben Buchstaben, lassen in Wörtern Buchstaben einfach weg oder fügen unpassende hinzu und haben häufig eine nahezu unleserliche Handschrift. Auch das Lesen bereitet ihnen große Mühe: Sie verdrehen oder verschlucken Silben, betonen falsch, geraten ins Stocken und lesen deutlich langsamer als ihre Mitschüler. Treten diese oder ähnliche Symptome vermehrt und trotz intensiver Übung regelmäßig auf, sollten Eltern abklären lassen, ob es sich bei den Schwierigkeiten ihres Kindes um Legasthenie handelt, rät Diplom-Pädagogin Esther Borggrefe, Leiterin des Instituts für Lernförderung und Kommunikation (St. Augustin und Bad Honnef). Sie beantwortete Fragen zu der Thematik in einem Interview.

Frau Borggrefe, was versteht man unter Legasthenie?
Borggrefe: „Von Legasthenie spricht man, wenn jemand trotz mindestens normaler Intelligenz ausgeprägte Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen hat. Neben den oben beschriebenen Symptomen gibt es eine Vielzahl weiterer gravierender Erscheinungsformen der Legasthenie. Fakt ist, dass Lesen und Schreiben für Legastheniker Schwerarbeit darstellt.“

Handelt es sich dabei um ein „modernes Randphänomen“?
Borggrefe: „Keineswegs. Legasthenie wird bereits seit dem 19. Jahrhundert erforscht. Die damals so genannte „angeborene Wortblindheit“ ist seitdem Gegenstand zahlreicher Forschungen. Die genauen Ursachen sind bis heute nicht komplett ergründet. Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass Legasthenie größtenteils genetisch bedingt ist. Aktuell sind etwa zehn Prozent der Deutschen Legastheniker, wobei die Zahl der Kinder mit einer vermuteten oder tatsächlichen Störung in diesem Bereich steigt.“

Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind unter Legasthenie leidet?
Borggrefe: „Zahlreiche Symptome deuten auf das Vorliegen einer Legasthenie beziehungsweise einer Lese-Rechtschreib-Störung hin. Den „typischen“ Fehler, an dem man Legastheniker erkennt, gibt es jedoch nicht. Legasthene Kinder nehmen Symbole wie Buchstaben und Wortbilder anders wahr und verarbeiten sie demzufolge auch anders als Schüler, die nicht unter Legasthenie leiden. Die Aufmerksamkeit legasthener Schüler lässt erkennbar nach, wenn sie auf Buchstaben stoßen. Wichtig ist, dass Eltern die Auffälligkeiten nicht verharmlosen, sondern sich möglichst rasch nach einer qualifizierten Unterstützung für ihr Kind umsehen. “

Ist Legasthenie denn überhaupt heilbar?
Borggrefe: „Legasthenie ist keine Krankheit, insofern kann auch nicht von Heilbarkeit die Rede sein. Einer Legasthenie liegen Teilleistungsschwächen vor allem in der visuellen und auditiven Wahrnehmung zugrunde. Ich möchte noch einmal betonen: Je früher die Schwierigkeiten ernst genommen werden, desto eher kann eine Diagnose gestellt werden und umso größer ist auch der Erfolg gezielter Förderprogramme und Trainings. Hierdurch können die Probleme sehr effektiv behandelt und die Leidenszeit der Kinder verkürzt werden. Schließlich beeinflusst Legasthenie nicht nur die gesamte schulische Entwicklung, sondern kann auch zu erheblichen psychischen Problemen bei dem betroffenen Kind führen, wenn seine Schwierigkeiten nicht rechtzeitig ernst genommen werden und Fördermaßnahmen erst nach langer Zeit einsetzen.“

Inwiefern?
Borggrefe: „Obwohl sich legasthene Schüler große Mühe geben und zuhause mitunter viel üben, bekommen sie aufgrund ihrer Lese- und Rechtschreibleistungen schlechte Noten. Die fortwährende Entmutigung, Ausgrenzung und Hänselein können zu Ängsten, Aggressivität und schwer wiegenden psychosomatischen Störungen führen. Es entsteht ein regelrechter Teufelskreis aus dem Erleben ständiger Misserfolge und dem – wenn auch unausgesprochenen – Leistungsdruck seitens der Schule und der Eltern.“

Kann man legasthenen Schülern helfen, indem man das Pensum an häuslichem Üben erhöht.
Borggrefe: „Ganz klar: Nein. Hierdurch kann man die die Schwierigkeiten nicht in den Griff bekommen. Im Gegenteil: Stures Pauken ist sogar kontraproduktiv und erhöht den Stress sowohl bei dem Kind als auch bei den Eltern. Legasthenie kann nur durch spezielle Trainings, in denen auf die individuellen Schwierigkeiten des Betroffenen eingegangen wird, erfolgreich behandelt werden. Hierzu gehören auch Entspannungs- und Konzentrationsübungen. Daneben ist es wichtig, die Selbstständigkeit und die Lernmotivation der Schüler zu fördern. Hierfür sind Einfühlungsvermögen und Ausdauer unabdingbare Voraussetzungen. Ein Ziel meiner Arbeit ist, mittels individueller Programme Schüler so zu fördern, dass sie auf Dauer nicht nur Erfolg haben, sondern auch eine größtmögliche Selbstständigkeit beim Lernen erlangen.“

Ist Legasthenie noch immer ein Tabu-Thema?
Borggrefe: „Ich arbeite seit über 8 Jahren unter anderem als Legasthenie-Trainerin. Seitdem hat sich in punkto Ent-Tabuisierung des Themas Legasthenie viel getan. Die Wissenschaft ist sich einig, dass Legasthenie nichts mit den intellektuellen Fähigkeiten der Betroffenen zu tun hat. Legastheniker sind nicht zwingend hochintelligent, doch haben viele von ihnen ausgesprochen hohe Begabungen in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Inzwischen gibt es international viele Prominente, die ganz offen damit umgehen, selbst Legastheniker zu sein. Zugegeben: In Deutschland bekennen sich noch wenige dazu. Probleme in Mathematik werden hierzulande belächelt, man erntet in der Regel Verständnis dafür. Doch wer nicht richtig schreiben oder lesen kann, wird mitunter immer noch vorschnell abgestempelt. Wirklich vorurteilsfrei wird mit der Thematik – leider – immer noch nicht umgegangen.“

Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.lernfoerderung.net oder Tel.: 02241/1484393

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